Sucht Euch gute Chefs!

Sucht Euch gute Chefs!

Führung ist nicht leicht, denn wenn es das wäre, könnte es ja jeder. Das sollte allerdings keine Ausrede sein, sich nicht darum bemühen zu müssen. Es hilft aber auch allen anderen nichts, über die offensichtlich deutlich zu verbessernde Führungsqualität zu jammern. Ich habe mir deshalb ein paar Gedanken zu dem Thema gemacht und heraus gekommen ist ein Aufruf an alle Mitarbeiter, nämlich: „Sucht Euch gute Chefs!“ (übrigens wird „Chef“ hier immer als Sammelbegriff für „Chef oder Chefin“ verwendet). Das ständige Gejammer über die mangelnde Qualität in den Führungsetagen, das gerade wieder sehr in Mode zu sein scheint, geht mir dann doch ein bisschen auf die Nerven. Warum?

1. Man hat immer die Wahl

Nach dem Motto „Jammern hilft zwar, nützt aber nichts!“ ist das Jammern für viele der Ausweg oder die Ausrede schlechthin, an der Situation nichts zu ändern. Man hat immer eine Wahl, es ist nur eine Frage der „Kosten“. Was ist man bereit, dafür in Kauf zu nehmen? Das ist eine persönliche und private Sache, die eine sorgfältige Abwägung von Vor- und Nachteilen erfordert und am Ende eine Entscheidung ist. Eine meist unbewusste, aber es ist eine! Und übrigens: Aushalten, Hinauszögern oder ständig Verschieben ist letztendlich auch eine Entscheidung.

2. Es ist gar nicht so leicht, ein guter Chef zu sein

Wie schon gesagt, es ist nicht leicht. Ich würde aber mal den meisten Chefs unterstellen, dass sie sich alle Mühe geben, ein guter Chef zu sein. Es fehlt halt sehr oft an der sorgfältigen Auswahl und an der Hilfestellung in Form von Leitlinien und Ausbildung. Auch wenn es vielleicht das eine oder andere Naturtalent in Sachen Führung gibt, die meisten guten Chefs mussten einen mühsamen Lernprozess durchlaufen. Man kann nicht alles, aber sicherlich vieles lernen, was einen zum besseren Chef macht. Und vielleicht sollte man keine zu hohen Erwartungen an die Chefs stellen und als Mitarbeiter die gute Absicht und den Willen des Chefs unterstellen, es besser zu machen.

3. Jeder Chef hat die Mitarbeiter, die er verdient

Ein altes süddeutsches Sprichwort sagt: „Wie der Herr, so’s Gescherr“, was zurück geht auf den Satz „Qualis dominus, talis et servus“ des römischen Satirikers Titus Petronius. Absolut nichts Neues also! Wenn man sich die Mitarbeiter anschaut, dann weiß man auch, wie der Chef tickt. Oder auch etwas weiter gedacht: Wer außergewöhnlich leistungsfähige Teams haben möchte, braucht auch gute Chefs.


Und umgekehrt gilt auch: Wer sich als Chef ständig über seine Mitarbeiter beschwert, braucht sich eigentlich nicht zu wundern, vielleicht liegt es auch an einem selbst. Oder wie in „Asterix und die Goten“ der römische General Strategus verzweifelt ausruft:

 

© Deutsches Asterix Archiv 1998-2012, Zeichnungen: Albert Uderzo
© Les Editions ALBERT-RENÉ, GOSCINNY-UDERZO

„Sie sind alle so dumm,
und ich bin ihr Chef!
(Schluchz)“.

4. Der Chef ist eigentlich viel wichtiger als die Organisation „drumherum“

Viele Untersuchungen zeigen es: Der eigene Chef hat einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit (siehe Gallup-Studie 2014, S. 7). Und eine Online-Studie der RU Bochum mit 3.500 Teilnehmern zeigt: „Der Chef ist Studien zufolge in Deutschland Kündigungsgrund Nummer eins.“

Das heißt letztendlich auch, dass der eigene Chef die Arbeitszufriedenheit sehr viel stärker beeinflusst als viele andere Faktoren, wie z.B. zentral angelegte HR-Maßnahmen, deren Wirkung meistens sowieso irgendwo zwischen Idee und Umsetzung verpufft. Deshalb ist auch die direkte Führungskraft der wichtigste „Personalentwickler“, das haben aber wahrscheinlich noch nicht so viele Chefs auch verstanden und setzen es um. Und die „GenYer“ (Angehörige der Generation Y oder auch „Digital Natives“, Jahrgänge ab 1980), die jetzt mehr und mehr Bedeutung im Berufsleben erlangen, werden erst richtig Schwung in die Sache bringen, denn für die ist die persönliche Entfaltung und Weiterentwicklung noch einmal viel wichtiger („Wie die Generation Y den Arbeitsmarkt revolutionieren wird“).

Es ist zwar nicht so leicht, in einem „schlechten“ Unternehmen ein guter Chef zu sein, aber möglich ist es schon. Umgekehrt wird aber für diejenigen Unternehmen, die sich um gute Führung bemühen, ein echter Wettbewerbsvorteil daraus. Wer seine Führungskräfte sorgfältig auswählt, Führungsleitlinien formuliert, Führungskräfte ausbildet und im Dreiklang von Werkzeugen, Methoden und Bewusstsein eine ganzheitliche Qualität von Führung auf lange Sicht absichert, gehört sicherlich zu den Gewinnern im „War for Talents“. Führung wird zum wichtigen Erfolgsfaktor für das Gewinnen und Halten der besten Mitarbeiter!

5. Auf den Chef wird bei der Stellenauswahl viel zu wenig geachtet

Es gibt sie sicherlich, die guten Chefs – man muss nur nach ihnen suchen. Aber genau wie Unternehmen ein viel zu großes Gewicht auf die fachliche Qualifikation und zu geringes auf die Persönlichkeit des Bewerbers legen, schauen Bewerber bei der Auswahl des Arbeitsstelle viel zu wenig auf die Persönlichkeit des Chefs. Ich vergleiche das gerne mit der Suche nach einer neuen Wohnimmobilie. Man schaut auf alles Mögliche: die Lage, der technische Zustand der Immobilie, die Infrastruktur und so weiter. Aber die Nachbarn schaut man sich erst an, wenn man schon eingezogen ist und stellt dann beim Antrittsbesuch erschreckt fest, dass der direkte Nachbar ein Stinkstiefel ist, der einem das Leben zur Hölle machen kann. Also, schauen Sie sich Ihre Chefs genau an, bevor Sie sich von den schönen Hochglanzprospekten über die tollen Arbeitsbedingungen, die Entwicklungs- und Aufstiegschanchen blenden lassen. Ersatzweise kann man sich auch die möglichen Kollegen anschauen, denn wie gesagt: Jeder Chef bekommt die Mitarbeiter, die er verdient.

6. Ändern Sie etwas

Also, Jammern hilft zwar, weil man dadurch den Druck vermeintlich etwas reduziert oder auch die Verantwortung für die Situation abschiebt, aber am Ende nützt es nicht. Es gilt: „Love it, Change it, or Leave it!“ oder auch nach dem schönen Gelassenheitsgebet:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,  den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Ich würde also sagen, man hat immer die Möglichkeit, einen guten Chef zu suchen und eine gute Chance, dann auch einen zu finden. Zumindest einen besseren als den derzeitigen. Um es noch einmal zu sagen: Das ist immer eine Abwägung! Kann ich mich mit meinem Chef arrangieren und sogar lernen, ihn zu verstehen und zu mögen? Kann ich ihn vielleicht ein Stück weit „ändern“, also ihn dazu bringen, sein Verhalten zu überdenken? Oder gebe ich es auf? Dann muss ich aber auch etwas ändern und mir einen neuen Chef suchen!

Man sollte sich aber nicht der Illusion hingeben, dass durch einen Jobwechsel und einen anderen Chef alles gut wird. Volker Kitz und Manuel Tusch beschreiben es in ihrem schönen Buch „Das Frustjobkillerbuch: Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten“ und Volker Kitz präzisiert es in einem Interview so:

„Beim nächsten Chef wird alles anders! Der nächste Chef kommt und geht, und natürlich werden manche Dinge anders. Aber besser werden sie meist nicht. Die Suche nach einer Arbeitswelt, in der es diese Klagen nicht gibt, kann daher immer nur enttäuscht werden. (…) Insofern ähnelt der Beruf einer Liebesbeziehung: Den perfekten Partner gibt es nicht, und ebenso wenig gibt es den perfekten Job. Diese Einsicht setzt viel Energie frei, die wir dann in wirksamere Methoden investieren können, glücklich zu werden.“

Deshalb sollte man sich erst einmal darüber klar werden, was einen eigentlich am eigenen Chef stört und welchen Chef man sich wirklich wünscht. Will man z.B. wirklich mehr Handlungsspielräume? Oder will man mehr Klarheit und detaillierte Anweisungen? Beides zusammen ist eben nur schwer möglich.

Der gute Chef ist also immer der „passende“ und es gibt sicherlich keine allgemein gültigen Kriterien, wie man den „guten“ vom „schlechten“ Chef unterscheidet. Der beste Chef ist also letztendlich für jeden Mitarbeiter ein anderer. Dennoch möchte ich im Folgenden ein paar Kriterien anbieten. Also: Was ist ein guter Chef? Woran erkennt man den?

1. Ein guter Chef fragt viel und hört viel zu

Schon beim Einstellungsgespräch kann man sich die Redeanteile anschauen. Wer als Chef nur über sich redet, keine oder wenige Fragen stellt und auch kaum zuhört, ist eigentlich nicht an Ihnen interessiert. Ein Chef, der echtes Interesse an seinen Mitarbeitern und deren Entwicklung hat, fragt vor allem, hört zu und fragt nach.

2. Ein guter Chef kann auch Fehler zugeben

Und wie steht der mögliche Chef zu eigenen Fehlern? Werden Fehler überhaupt als eigene Fehler zugegeben? Oder sind immer die Mitarbeiter schuld? Und wie verhält es sich bei Erfolgen?
Wer eigene Fehler nicht zugeben kann und Fehler als Schwäche ansieht, wird sich auch nicht entwickeln wollen. Wirklich gute Chefs erkennen eigene Fehler, geben sie zu und sprechen offen darüber. Diese Vorbildhaltung sorgt erst dafür, dass auch im gesamten Team eine Fehlerkultur entsteht, die Weiterentwicklung und letztendlich Innovation ermöglichen.

3. Ein guter Chef ist (k)ein Held

Das Prinzip der post-heroischen Führung bedeutet, dass Führungskräfte eben keine Helden sein sollen, die alles können und wissen. Post-heroische Führungskräfte ruhen in sich selbst, können mit Unsicherheit umgehen, können Ressourcen (nicht nur eigene) nutzen und entwickeln, haben keine „Rationalitätsphantasie“, sondern sind offen für die Zukunft und deren Chancen. Sie sind also keine Helden der alten Schule und die „Retter der Menschheit“, sondern sind vielleicht dann doch Helden einer neuen Schule, nämlich im Umgang mit Netzwerken, Chancen und Komplexität.

4. Ein guter Chef ist ein Optimist

Wo kommt eigentlich die Geisteshaltung des Jammerns her – die ja manchmal zugegebenermaßen auch gut tut? Bestimmt zu einem guten Teil von unserer allzu menschlichen Neigung, dem Negativen mehr Gewicht beizumessen als dem Positiven. Eine hohe produktive Energie im Unternehmen kommt aber nur mit einer entsprechend positiven und optimistischen Grundhaltung zustande. Die Ansätze des Positiven Managements (hervorgegangen aus den Ideen der Positiven Psychologie) geben hier Anhaltspunkte, worauf es bei der Gestaltung eines positiven Arbeitsumfelds im Sinne einer hohen Produktivität ankommt. Wesentliche und entscheidende Voraussetzung sind aber die Vorbilder im Unternehmen und das sind nun einmal die Führungskräfte. Wer als Führungskraft nicht Optimist ist, der unerschütterlich an die Menschen und deren Entwicklungspotenziale glaubt, der hat es sicherlich schwer.

5. Ein guter Chef ist an seinen Mitarbeitern zu erkennen

Doch das Wichtigste ist sicherlich, was die Mitarbeiter über ihren Chef sagen, wie sie sich im Beisein des Chefs verhalten und was der Chef auch über die Mitarbeiter sagt. Man sollte sich deshalb im Verlauf der Bewerbungsgespräche die Gelegenheit zum Kennenlernen im Team, am besten mit dem Chef, nicht entgehen lassen und sorgsam darauf achten, wie der Umgang der Kollegen untereinander und mit dem Chef ist. Und was der Chef über die Mitarbeiter sagt, ist mindestens genauso wichtig. Ist das von gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung geprägt? Ist der Umgangston freundlich und locker, aber dennoch respektvoll? Und ein Erkennungszeichen für eine schlechte Team- oder Unternehmenskultur ist auf jeden Fall immer Zynismus bei der Beschreibung von Zuständen.

Also, wenn es besser werden soll, muss es zuallererst anders werden. Wer aus dem Jammertal heraus will, muss etwas ändern und im schlimmsten Fall sich einen neuen Job suchen. Und dabei spielt der neue Chef eine sehr wichtige Rolle, vielleicht die wichtigste – eben wie der Nachbar bei der Wohnungssuche.

Ich möchte also dazu aufrufen, dass der neue Chef ganz bewusst gewählt wird. Denn wenn sich Mitarbeiter gute Chefs auswählen oder von ihren derzeitigen Chefs gute Führung einfordern, dann wird sich zwangsläufig die Qualität der Führung verbessern (müssen). Einfach deshalb, weil die schlechten Chefs sonst irgendwann keine Mitarbeiter mehr haben!

Prof. Frank Widmayer, 09.09.2016
Führungsexperte & Organisationsarchitekt
www.fwco.de

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